Künstliche Intelligenz Claude Mythos: Eine neue Bedrohung für das Finanzsystem
Das KI-Modell Claude Mythos des Unternehmens Anthropic entdeckt Softwarelücken in Rekordgeschwindigkeit. Ein potenzieller Missbrauch könnte Cyberangriffe erleichtern. Banken und Aufsichtsbehörden sind alarmiert: Ist das Finanzsystem so verwundbar wie nie zuvor?
Eine Analyse von Angela Göpfert, ARD-Finanzredaktion
Auf den ersten Blick mag es sich um ein Thema handeln, das vor allem IT-Experten interessiert: Eine neue Künstliche Intelligenz identifiziert Sicherheitslücken in Software schneller als je zuvor. Doch im globalen Finanzsystem könnte dies zu einem erheblichen Stabilitätsrisiko führen. Banken, Börsen, Zahlungsdienstleister und Versicherungen sind auf funktionierende und sichere Software angewiesen.
Wenn Künstliche Intelligenz Sicherheitslücken schneller aufspürt, können diese auch zügiger von Kriminellen ausgenutzt werden. Experten warnen bereits vor einem systemischen Risiko für das globale Finanzsystem.
Auslöser dieser Diskussion ist Claude Mythos, das neueste KI-Modell des US-Unternehmens Anthropic. In Testläufen soll es bereits Tausende von kritischen Sicherheitslücken, sogenannte Zero-Days, entdeckt haben, die zuvor jahrzehntelang unentdeckt blieben. Darüber hinaus kann es eigenständig komplexe Cyberangriffe programmieren.
Warum Aufseher vor KI-Risiken warnen
Die Europäische Zentralbank (EZB) betrachtet dies als ernsthafte Bedrohung für das Finanzsystem und hat daher ein Nottreffen europäischer Banken einberufen. Der Financial Stability Board (FSB), der zentrale internationale Finanzstabilitätswächter der G20, spricht von „neuen und fortgeschrittenen Risiken für die globale Finanzstabilität“.
Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) sieht in KI-Modellen wie Mythos eine Gefahr für das globale Finanzsystem und warnt vor einem „potenziellen makrofinanziellen Schock“. Laut einer IWF-Analyse könnten extreme Verluste durch Cybervorfälle zu Finanzierungsengpässen führen, das Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit von Instituten erschüttern und breitere Marktverwerfungen nach sich ziehen.
Was ein Angriff auf SWIFT auslösen könnte
Man stelle sich vor, ein so mächtiges KI-Modell wie Mythos richtet sich gegen die globale Bankinfrastruktur – beispielsweise gegen das zentrale Nachrichtensystem SWIFT, über das Banken weltweit Zahlungsaufträge und andere Finanznachrichten sicher austauschen.
Der potenzielle Schaden wäre enorm. Angreifer könnten Zahlungsströme in Milliardenhöhe manipulieren und das Vertrauen in Banken sowie das gesamte Finanzsystem gefährden. Anthropic selbst hält seine neue Spitzen-KI für zu gefährlich und hat sie daher bislang weitgehend unter Verschluss, plant jedoch, sie in den kommenden Wochen für alle Kunden zugänglich zu machen.
Project Glasswing soll kritische IT schützen
Bislang haben nur ausgewählte Unternehmen und Organisationen im Rahmen von „Project Glasswing“ kontrollierten Zugriff auf Claude Mythos. Dazu zählen unter anderem Amazon, Microsoft, Apple, Google, Nvidia und JPMorgan Chase. Ziel ist es, Sicherheitslücken in kritischer Software-Infrastruktur schneller zu identifizieren und zu schließen.
Experten sprechen in Bezug auf Mythos von einer klassischen „Dual-Use-Technologie“: Das neue KI-Modell ist nicht nur eine potenzielle Cyberwaffe, sondern auch ein hervorragendes Werkzeug zur Abwehr von Cyberangriffen.
Europas Banken haben (noch) keinen Zugang
Nun soll auch die EU-Behörde für Cybersicherheit (ENISA) Zugang zum KI-Modell Mythos von Anthropic erhalten. Die konkreten Bedingungen müssen jedoch noch ausgehandelt werden. Bis dahin bleiben europäische Banken außen vor – aktiv werden müssen sie laut Experten jedoch bereits jetzt.
Banken im Euroraum müssen verstärkt in Cybersicherheit investieren, ist etwa Luis de Guindos überzeugt. „Wir müssen das Bewusstsein der Finanzinstitute schärfen, dass zusätzliche Investitionen in Cybersicherheit erforderlich sind“, betont der scheidende EZB-Vizepräsident.
Banken müssen Sicherheitslücken schneller schließen
Entscheidend sind dabei die sogenannten „Patch-Gaps“, also die Zeitspanne zwischen dem Auffinden und dem Schließen einer Sicherheitslücke. In der Vergangenheit ließen sich Banken teils wochenlang Zeit, was in der neuen KI-Ära Cyberkriminellen Tür und Tor öffnen würde.
Für die Banken bedeutet dies, dass sie mehr in Personal investieren müssen: „Banken müssen jetzt mehr Geld ausgeben, um Mitarbeiter einzustellen, die diese Lücken so schnell wie möglich schließen“, betont Daniel Kröger, Portfoliomanager beim Vermögensverwalter DWS.
Warum der Zeitvorsprung der Verteidiger schrumpft
Die Zeit drängt: Es geht nicht nur um Anthropic und Claude Mythos, sondern auch um vergleichbare KI-Modelle, die kriminellen Akteuren oder Nationalstaaten wie Russland und China bald zur Verfügung stehen könnten.
Logan Graham, Leiter des führenden IT-Sicherheitsteams von Anthropic, warnte im US-Magazin Wired: „Wir müssen uns jetzt auf eine Welt vorbereiten, in der diese Fähigkeiten in 6, 12, 24 Monaten breit verfügbar sein werden.“ Meist sind Hacker „gewöhnliche Kriminelle“, und es geht ihnen oft ums Geld, so das Ergebnis eines Microsoft-Reports.
KI wird zum Stresstest für Banken und Aufseher
Das KI-Modell Mythos von Anthropic ist ein Weckruf für Banken, Unternehmen und Aufsichtsbehörden. Die Stabilität des globalen Finanzsystems steht auf dem Spiel. Bereits die Finanzkrise 2008 hat eindrücklich gezeigt, dass oft schon eine Vermutung oder ein Gerücht über Schwierigkeiten einer Bank ausreicht, um große Marktverwerfungen auszulösen.
Die unerwarteten Fähigkeiten von Claude Mythos sind ein Signal, die Verteidigung zu verstärken – und das so schnell wie möglich. Europäische Banken müssen darauf achten, nicht ins Hintertreffen zu geraten: Project Glasswing verschafft US-Instituten derzeit einen Zeitvorsprung beim Schließen von Sicherheitslücken.
Internationale Kooperationen zwischen KI-Entwicklern, Banken, Unternehmen und Aufsichtsbehörden sind jetzt dringender denn je erforderlich, da Cyberkriminalität keine Grenzen kennt – ebenso wenig wie Finanzkrisen.
Angela Göpfert, HR Frankfurt, 01.06.2026 • 16:47 Uhr
Quellen: tagesschau, Der Spiegel