Die finanziellen Herausforderungen der gesetzlichen Krankenkassen nehmen zu, während die Bundesregierung nach Einsparmöglichkeiten sucht. Andrea Galle, Vorständin der Betriebskrankenkasse mkk, ist der Ansicht, dass ohne grundlegende Veränderungen eine Stabilisierung des Systems nicht möglich ist.
Die finanzielle Situation der gesetzlichen Krankenkassen ist angespannt. Für das kommende Jahr wird ein Defizit von zwölf Milliarden Euro prognostiziert. Eine Expertenkommission wird dem Bundesgesundheitsministerium Reformvorschläge unterbreiten. Im Vorfeld wurden verschiedene Sparmaßnahmen diskutiert, darunter die Abschaffung der Familienversicherung und die Streichung freiwilliger Leistungen. Besonders in diesem Kontext wird die Diskussion um Kliniken in finanzieller Notlage immer relevanter.
Galle plädiert für einen anderen Ansatz und betont, dass das Gesundheitssystem nicht nur als Reparaturbetrieb fungieren sollte. Im Interview erläutert sie, welche Maßnahmen ihrer Meinung nach notwendig sind, um die Gesundheit der Bevölkerung zu fördern.
Prävention als Schlüssel zur Gesundheitsförderung
Galle hebt die Bedeutung der Prävention hervor und sieht in der Ernährung einen entscheidenden Hebel für die Gesundheit der Menschen. Sie betont, dass mindestens 50 Prozent der häufigsten chronischen Erkrankungen durch eine gesunde Ernährung beeinflusst oder hinausgezögert werden können.
Die Statistiken zeigen, dass in Deutschland täglich über 1.000 Menschen an vermeidbaren Herz-Kreislauf-Erkrankungen sterben, während rund 375 Todesfälle auf vermeidbaren Diabetes Typ 2 zurückzuführen sind. Diese Zahlen verdeutlichen die Dringlichkeit, die Krankheitslast zu reduzieren und die Menschen zu einem gesünderen Lebensstil zu ermutigen.
Strukturelle Probleme im Gesundheitssystem
Galle sieht ein strukturelles Problem im Gesundheitssystem. Entweder müssten die Kapazitäten erhöht werden, was aufgrund des Fachkräftemangels und finanzieller Einschränkungen kaum möglich sei, oder die Krankheitslast müsse verringert werden. Letzteres erfordere frühzeitige Interventionen, um Menschen zu unterstützen, gesund zu leben, bevor sie auf medizinische Hilfe angewiesen sind. In diesem Zusammenhang ist auch die Diskussion um Krankenkassen von Bedeutung.
Gesundheit im Grundgesetz verankern
Die Forderung von Galle, Gesundheit im Grundgesetz zu verankern, zielt darauf ab, Gesundheit als Querschnittsaufgabe zu betrachten. Sie argumentiert, dass viele entscheidende Einflussfaktoren außerhalb des Gesundheitswesens liegen, etwa in Schulen, Kitas oder der Stadtplanung. Eine solche Verankerung würde alle Ressorts dazu verpflichten, ihren Beitrag zur Gesundheitsförderung zu leisten.
Obwohl im Grundgesetz bereits das Recht auf körperliche Unversehrtheit verankert ist, sieht Galle die Notwendigkeit, das Verständnis von Gesundheit zu erweitern. Es gehe nicht nur um den Schutz vor körperlicher Gewalt, sondern auch um psychisches Wohlbefinden und den Erhalt der Gesundheit.
Präventionsstrategien und deren Grenzen
Die Bundesgesundheitsministerin hat eine Präventionsstrategie angekündigt, die jedoch Galle nicht ausreicht. Sie kritisiert, dass diese Strategie sich vor allem an klassische Akteure wie Krankenkassen richtet, aber nicht die Rahmenbedingungen für eine gesunde Lebensweise im Alltag berücksichtigt. Galle fordert Maßnahmen wie gesundes Schulessen und verlässlichen Sportunterricht.
Herausforderungen bei der Nutzung von Präventionsangeboten
Die Nutzung von Präventionskursen durch Versicherte ist gering. Nur zehn Prozent nehmen an diesen Angeboten teil. Galle sieht die Zugänglichkeit und fehlende Anreize als Hauptprobleme. Sie fordert eine stärkere Belohnung für präventive Maßnahmen.
Auch bei Vorsorgeuntersuchungen gibt es Nachholbedarf. Die Corona-Pandemie hat dazu geführt, dass viele Angebote seltener genutzt werden. Galle schlägt vor, Einladungsverfahren und einfache Terminvergaben einzuführen, um die Teilnahmequote zu erhöhen.
Personalisierte Angebote und Datenschutz
Galle ist überzeugt, dass personalisierte Angebote helfen könnten, mehr Menschen für Prävention zu gewinnen. Derzeit sind die Möglichkeiten jedoch durch das Gesundheitsdatenschutzgesetz stark eingeschränkt. Galle fordert eine Reform, die es Krankenkassen ermöglicht, Gesundheitsdaten effektiver zu nutzen, um präventive Maßnahmen zu fördern.
Ausblick auf die Gesundheitskommission
Die von der Bundesgesundheitsministerin einberufene Gesundheitskommission wird Vorschläge zur Stabilisierung der gesetzlichen Krankenkassen präsentieren. Galle hofft, dass das Thema Prävention dabei eine zentrale Rolle spielt. Sie betont, dass ohne strukturelle Veränderungen die Kostenentwicklung im Gesundheitswesen nicht nachhaltig gebremst werden kann. Zudem könnte die aktuelle Diskussion um Italien und die Spritpreise als Beispiel für notwendige Reformen dienen.
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Bildquelle: ai-generated-gemini